Musik features Lyrik im Rilkeprojekt

Ich kann jetzt verstehen, was der Ausdruck „Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde“ bedeutet. Meine Passion ist die Musik, und Sprache berührt mich am ehesten in Form von Songtexten. Also bewegte sich Lyrik für mich in einem anderen Universum. Ich kann mich noch sehr gut an qualvolle Stunden in der Schule erinnern, in denen ich krampfhaft versucht habe, irgendwelchen gereimten Zeilen Sinn und Vergnügen abzuringen – es ist mir nie gelungen.

 

Aber offensichtlich hat dieses – nennen wie es einmal der Einfachheit halber Scheitern – mich wohl nie losgelassen und an mir genagt. Denn irgendwann las ich auf einem Blog vom sogenannten Rilkeprojekt. In der Meinung, es ginge wieder nur um Gedichte, und in der Absicht, noch einmal einen Versuch zu starten, ihnen etwas abzugewinnen, las ich weiter. Nun, es ging in der Tat um Gedichte, aber es ging auch um Musik, also um meine Welt.

 

Ich beschloss, das Experiment zu wagen und ein paar Euro in die CD zu investieren. Ich lud sie auf meinen MP3-Player, ohne sie vorher anzuhören, und vergaß sie dann. Irgendwann blätterte ich in der U-Bahn etwas lustlos in meinem Player und stieß auf das Rilkeprojekt. Na ja, dachte ich, ich kann mir genauso damit die Wartezeit auf die nächste U-Bahn vertreiben, dann habe ich es wenigstens hinter mir.

 

Zwei U-Bahnen später saß ich immer noch auf meinem Bahnsteig. Das erste „Lied“, welches ich hörte, war „Die Welt, die monden ist“, interpretiert von Nina Hagen. Sie „spricht-singt“ das Rilkegedicht, untermalt von absolut passender etwas sphärischer Musik. Viele weitere ausdrucksvolle und berühmte Stimmen zogen mich in ihren Bann. So wirken unter anderem noch Otto Sander (wahrhaft überwältigend in „Der Panther“), Mario Adorf, Ben Becker, Hanna Schygulla, Udo Lindenberg und eine weitere Riege bekannter Stimmen und Gesichter mit. Selbst Xavier Naidoo (dessen Musik ich wegen seiner kruden Texte nicht sehr schätze) kommt mit seiner zugegebenermaßen ausdrucksvollen Stimme im Duett mit Ben Becker hervorragend zur Geltung.

 

Zugegeben, auf Rudolph Mooshammer hätte ich verzichten können, aber selbst er wurde von den Machern des Rilkeprojektes Schönherz und Fleer zu Höchstleistungen animiert. Und das erste Mal in meinem Leben konnte ich mit Gedichten etwas anfangen. Daraufhin habe ich mir einen Rilke-Gedichtband gekauft – und ihn zwei Tage später wieder weiter verkauft. Ich brauche wohl die Symbiose aus Musik, Stimme und Text, um dieses Reich betreten zu können. Zum Glück sind die Macher fleißig und haben neben weiteren Rilke-CDs auch ein Hesseprojekt aufgesetzt. Vielleicht lerne ich so doch noch alle berühmten Gedichte und Texte kennen.