Eigentlich ist der Titel falsch. Denn das, was man beim Shoppen in Kaufhäusern und Boutiquen geboten bekommt, kann man eigentlich gar nicht als Musik bezeichnen, sondern es läuft eher unter der Kategorie „unerträgliche Lärmbelästigung mit hirnerweichender Wirkung“.
Meist säuseln synthetische Saxophone liebliche Balladen in das Ohr der gefolterten Kunden, untermalt mit sanften Rhythmen, die eine bestimmte Frequenz nicht übersteigen dürfen und angeblich zu einem entspannten und ruhigen Herzschlag beitragen sollen. Die Machwerke könnte mein dreijähriger Neffe auf einem Keyboard problemlos komponieren – ich hoffe nur, dass die Urheber dieser Belästigung nicht auch noch Gema-Gebühren kassieren.
Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, nur noch mit Ohropax einkaufen zu gehen. Ich hatte es mit einem MP3-Player versucht, den ich als akustisches Gegengewicht und Waffe voll aufgedreht hatte, aber trotzdem schlich sich etwas von dem unsäglichen Klangbrei immer wieder in meine Ohren, so dass das Resultat eine absolut giftige Mischung war, die ich meinen Ohren einfach nicht zumuten konnte.
Außerdem stört mich auch selbstgewählte gute Musik beim Shoppen. Nicht nur, dass man manchmal mit jemandem vom Verkaufspersonal sprechen muss, weil man eine Frage hat oder etwas Bestimmtes nicht finden kann. Dann gebietet es die Höflichkeit ohnehin, die Musik abzustellen und die Ohrstöpsel heraus zu nehmen.
Nein, es stört mich auch in meinem Entscheidungsprozess, wenn ich beim Shoppen Musik hören muss, sei sie noch so gut. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die sich im Selbstgespräch zu einer Entscheidung hin reden müssen. Klingt vielleicht komischer, als es ist, das scheinen viele zu machen. Natürlich rede ich nicht laut mit mir selbst, aber innerlich diskutiere ich das Für und Wider der verschiedenen Produkte, kombiniere sie im Selbstgespräch mit anderen Teilen, die ich schon habe, und nähere mich so einer Entscheidung an.
Und damit ich mir selbst gut zuhören kann, brauche ich nun einmal Stille. Musik lenkt mich dann ab und stört meine Konzentration und meinen Entscheidungsprozess. Nur wird Stille immer seltener geboten.
Die Ladenbetreiber glauben offensichtlich den psychologisch angehauchten Marketinggurus, dass eine softe Musik die Kauffreude fördert, da sie den Kunden in eine beseelte und gute Laune versetzt. Weit gefehlt -ich bekomme vor Qual Ohrenschmerzen und verlasse den Laden fluchtartig.
Die hippen Boutiquen sind um keinen Deut besser, dröhnen sie mich doch mit Songs zu, die ich mir zum Teil freiwillig nie anhören würde – und schon gar nicht in dieser Lautstärke. Ich liebe meine Ohren und möchte sie keinesfalls durch einen Tinnitus beeinträchtigt sehen!
Was bleibt? Glücklicherweise gibt es ja Amazon und Konsorten, bei denen ich einen Großteil meiner Einkäufe in wohltuender Stille erledigen kann. Welch ein Vergnügen, nachts um drei die neue geile DVD zu bestellen, ohne dass dir das Trommelfell platzt!
Und mein Bäcker und Metzger sind Gott sei Dank noch nicht auf den Zug der angeblich kauffördernden Dauerberieselung aufgesprungen. Dort höre ich allenfalls das beruhigend altmodische „Darf’s auch ein wenig mehr sein?“